
Unlängst erklärten die Indiegemeinden in Hamburg, Berlin, Köln und Bad Bevensen den Songwriter William Fitzsimmons zu ihrem neuen Guru. Allerorten schrieben sie jede Silbe, die er sprach, in ihre Poesiealben. Sie lagen ihm zu Füßen, diesem Mann mit dem längsten Bart seit Karl Marx, den traurigsten Akkorden seit Nick Drake und der brüchigsten Biographie seit Jackson C. Frank. Doch so kam es, dass bei seinen Herbstkonzerten im letzten Jahr sein Inneres plötzlich wie abgepackte Ware im Supermarkt auslag, an der sich jeder nur zu gerne bediente und sie danach wie zerknülltes Papier in die Räume warf. Dumm nur, dass Fitzsimmons gerne Teil dieser kollektiven Projektion sein wollte. Zwanghaft kulminierte jedes Lied in den immerselben Ansprachen und Pointen, in Knopfdruck-Gelächter und Schenkelgeklopfe: »My beard is real, please don‘t pull it, when I welcome you at the merch-table.« Die Konzerte nahmen den Charakter von Lofi-Comedy an – Dur-Komik, während der Moll-Akkord noch klang. Und einige sehnten sich nie zuvor so sehr nach ein paar Sekunden Schweigen nach der schwersten Liedern der Welt. Warum brauchte es überhaupt Worte? Warum konnte es nicht so sein wie auf dieser wunderbaren Single, wo nach vier Minuten nur das Knistern der Auslaufrille die Geschichte weitererzählt. Auf Seite A findet sich das zarte »I don‘t feel it anymore« von der aktuellen LP »The sparrow and the crow«: »I want back the years that you took when I was young, I was young, I was young, but it’s done«. Und dann eine Coverversion von Kanye Wests »Heartless«, die den vocodorverzerrten Plastik-Popsong des R&B-Barden in eine großartige Singer/Songwriter-Perle verwandelt. Und plötzlich wirkt sogar der Text nur noch halb so schmalzig: »In the night, I hear him talk the coldest story ever told. Somewhere far along this road, he lost his soul.« Was bleibt, ist:
Band: William Fitzsimmons
Tracks: »I don‘t feel it anymore«, »Heartless«
Format: 7“ (black), 45rpm
VÖ: 2009
Label: Grönland Records


Klingen nach New York oder Manchester, großen Brillen mit schwarzem Rahmen und Fensterglas. Und nach Berlin-Mitte-Vernissagen, wo man nicht sein möchte, weil die Wände so sauber sind, dass man Angst hat, die eigene Verstörtheit würde sich im nächsten Moment auf ihnen spiegeln. Und weil man als Parasit entlarvt wird, obwohl man keinem Menschen was wegtrinkt, weil eh alle Weißwein trinken. Okay, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Ein bisschen wie Calla. Würde dennoch eher die zweite Crumbsuckers oder die erste Äi-Tiem-Platte empfehlen.
Band: Parts & Labor
Tracks: »We were here«, »Skimming stone«
Format: 7“ (black)
Label: Altin Village


Radio Burroughs haben kürzlich ihre erste Langspielplatte veröffentlicht, und die ist ziemlich großartig. Höre seit Tagen nicht anderes. Die Songs hier sind schon etwas älter, auch: etwas rauer und kratziger. Haben was, würde aber jemandem, der nur noch zehn Euro übrig hat, eher die LP empfehlen. Pete The Pirate Squid sind musikalisch nicht weit entfernt, gefiel mir auch ganz gut, dennoch nach etwa 90 rounds oder zwei Minuten die Anlage ausgemacht, weil ein Kommando des BKA versehentlich meine Wohnung stürmte. Jetzt find ich das Ding nicht wieder. Hab ich’s verliehen? Erinnere noch, dass ich die Aufmachung mochte: Auf jedem Cover klebt ein anderes Foto, orangefarbenes Vinyl. Yeah!
Bands: Radio Burroughs, Pete The Pirate Squid
Songs: RB: »Doubts«, »Rebuilt history«, PTPS: »I‘m not dancing because I like this band«, »I‘m dancing because I‘m cold«
Format: 7“ (black)
Labels: Altin Village, Impuremuzik, Tender Brasen, Flames.Waves.Words., My237, Warsaw

Was soll man noch sagen? Kennt mittlerweile eh jeder. Zwei der besten Coverversionen, die es von den beiden Songs gibt. Dazu schlichtes Design – tricky wie eine Wendejacke. Habe im Anschluss an »Germany’s next Topmodel« oder die RTL2-News einst zwei Stunden damit verbracht, das Cover immer wieder umzudrehen. Macht mehr Spaß als Sudoku und mehr Sinn als bei Teletext-Votings anzurufen (z.B. »Gewinnt Deutschland gegen Liechtenstein? Stimmen Sie jetzt telefonisch ab. Nur 1 Euro pro Anruf«). Das Video zum Cyndi-Lauper-Cover ist übrigens große Klasse.
Band: Norman Palm
Songs: A: »Boys don‘t cry« (The Cure), »Girls just wanna have fun« (Cyndi Lauper)
Format: 7“ (black), 45rpm
VÖ: 2009
Label: Ratio

Damals meinten alle, Mineral wären so toll wie Sunny Day Real Estate, und einige protestierten sogar und schimpften und pöbelten, nein, nein, Mineral sind noch viel toller. Fand ich überhaupt nicht. Da wurde mir viel zu viel geweint. Sei’s drum, gelegentlich höre ich mir die »Power of failing« noch an. Ist nicht schlecht, aber eben auch kein Killer. Chris Simpson, ehemals Sänger von Mineral und Gloria Record, macht nun Country angehauchte Sonntagnachmittagmusik. Das ideale Sounderlebnis funktioniert so: Den Kamin kauft man im Elektrogroßhandel oder auf DVD, die Pfeife leiht man von Opa aus und den Schaukelstuhl schnitzt man sich aus dem hässlichen Ikea-Regal, das seit drei Jahren im Keller steht. Dann Moustache ankleben, Hosenträger übers Karohemd spannen und ein bisschen gut gelaunt in dem neuen Western-Ambiente vor sich hinsummen. Dummerweise ist erst Dienstag.
Band: Zookeeper
Songs: »Trumpets«, »Snow in Berlin«
Format: 7“ (black)
Labels: Altin Village

Zunächst dachte ich, dass ich die portugiesische Band Adorno ob ihres Namens eigentlich schon mal beschissen finden sollte – sich nach Philosophen benennen (und dann noch nach Teddy), ist kokettierend subversiv und in etwa so albern wie auf ’ner Schaumparty Marx’ »Kapital« vorzulesen, oder auf ’ner Marx-Diskussion Partyschaum ins Publikum zu sprühen. Dann wurde mir von einer weisen Dame gesteckt, dass Adorno auch ein portugiesisches Wort ist und soviel wie »Dekoration« bedeutet. Top-Name! Und Top-Anfang auf dieser Split-Single, Adorno steppen jedenfalls ganz schön derwischartig in die Arena. Dann wird’s richtig düster. Dann recht wild. Dann recht austauschbar. Dann wartet man aufs Ende der Seite. Und weil sonst nichts los ist, liest man auf dem Textblatt Zeilen wie »There is irony in what’s happening around us. Amidst streets of a thousand lies«, und fühlt sich unangenehm an Erstsemester-Flugblätter in der Mensa erinnert. Live kann das deutlich mehr, hab Adorno jedenfalls mal inner Flora bestaunt und innerlich mit mir selbst Pogo getanzt. Doch auf Platte? Mmmh. Bevor man vor Langeweile der Versuchung erliegt, tatsächlich beim Videotext-Voting zur Liechtenstein-Frage mitzumachen, sollte man die Seite wechseln. Da grüßen die Berliner Syn*Error, die mir hier viel besser gefallen als auf der Split mit What Price, Wonderland?. Wie der letzte heiße Scheiß klingt das zwar nicht. Doch wer will das schon?
Bands: Adorno, Syn*Error
Songs: A: »Anchors aweigh«, »Time line«, SE: »Lowered expectations«
Format: 7“ (black)
Labels: Unterm Durchschnitt, Existencia, Old Skool Records, Kids in Misery

Wieder Kids Explode. Wieder hands up. Dieses Mal aber lohnt auch das Umdrehen der Single. Solemn League spielen fetzigen, rauen Indiekrams, Sänger hat ’ne super Stimme, kurz vorm Vorneüberkippen, vorne, aber doch irgendwie hinten, und der Song »Turns« kommt mit ’ner schmissigen Melodiegitarre, dennoch niemals anbiedernd. Artwork auch Bombe. Frage mich die ganze Zeit, ob das Textblatt von der Karate-Platte »The bed in the ocean« inspiriert ist, bin aber zu faul aufzustehen und nachzusehen. Egal. Am Hafen und vorm Autoscooter erzählt man sich übrigens, Solemn League seien ’ne Art Supergroup. Fame of alles, was geht und ging. Oder so. Wären aber auch sonst spitzenmäßig.
Bands: Kids Explode, Solemn League
Songs: KE: »Hotel rooms«, »Yards and remixes«, SL: »Give the cat a name«, »Turns«
Format: 7“ (black)
Label: Asymmetrie

Patterns sollen live ’ne Wucht sein. Auf Platte gefallen sie auch, vor allem der erste Song dieser 3-Track-7“. Der heißt »Big hands«, und während wir ihn hören, erklärt mein Teilzeitmitbewohner mir, was es mit der Textzeile »Big hands, I know you’re the one« vom Violent-Femmes-Song »Blister in the sun« auf sich hat, den ich das letzte Mal gehört habe, als ich in der Mittelstufe war, die Doppelstunde Mathe am Freitag ausfiel und mich unser Pausenhof-Indie-Guru an seinem verdammt hässlichen Sony-Walkman lauschen ließ. Ich mag meinen Teilzeitmitbewohner. Also, Patterns, insgesamt ganz schön frickelig, würden auch rein instrumental ’ne gute Figur abgeben, Gesang stört aber nicht weiter. Ist sogar stellenweise richtig bombig, auch das mit den zwei Stimmen, besonders in »Definitions«. Ach, und schöne Verpackung.
Band: Patterns
Songs: »Big hands«, »Idle eyes, sore city«, »Definitions«
Format: 7“ (black)
Label: Ursa Minor Musik, Altin Village

Der Song »Being static« von der englischen Band What Price, Wonderland? ist so ziemlich das Beste, was ich in letzter Zeit aus diesem immer unüberschaubaren Indie-Gerüttel-, Post-Hardcore-, Emocore-Feld gehört habe. »Being static« beginnt klar, mit treibender Instrumentierung, einem genialen Bass, der sich mit einer noch genialeren Gitarre abwechselt. Zur Hälfte bricht der Song aus und zitiert in Highspeed sich selbst. Gesang mehr Schimpfsprech oder wie Chris Leo in rough. Derbe Bombe! »If adventure has a name…« von der Berliner Band Syn*Error fängt ganz interessant mit langem Instrumental-Part an, langweilt mich aber ab dem Zeitpunkt, wo es nach vorne gehen soll. Stimme irgendwo im Hintergrund, was ja nicht schlimm sein muss, doch irgendwie mehr Unterwasserschwamm als Räuberkante.
Bands: What Price, Wonderland? / Syn*Error
Songs: WPW: »Being static«, SE: »If adventure has a name«
Format: 7“ (black)
Labels: Unterm Durchschnitt, Thank You Records, Bear Records, Life Is Not Like Dawson’s Creek Records, Old Skool Kids, Emuzah Records

Die 7“ ist so dick wie der Pfannkuchen, den der seltsame Mann mit dem Glasauge am Neuköllner Hermannplatz verkauft (Typ vergesslicher Batik-Shirt-Hippie mit Hang dazu, alles gut zu finden, was nach Patchouli oder Räucherstäbchen riecht). Und der ist verdammt dick – also, der Pfannkuchen. Mit ’ner ordentlichen Ladung Apfelmus wiegt der circa drei Kilo. Den Vinylkenner und Collector-Nerd interessiert’s ’nen Scheiß, er nennt das Ding Heavy-Single und hebt mit seinem antistatischen Putztuch sämtliche Wollmäuse in näherer Umgebung seines Plattenspielers auf. Ich auch. Dann geht’s los – und zwar mit Kids Explode und zwei Songs. Schnell ist man wieder so was von down mit dem, was Kids Explode da zaubern, denn natürlich ist er wieder da, dieser hammermäßige Bass. Wohnte ich in Freiburg, ich würde direkt neben den Kids Explode-Proberaum ziehen, die Wände wären dauerhaft in angenehmer Bass-Vibration. Und auch sonst: Kids Explode-Songs klingen einfach verdammt durchdacht und smart. Dialogues suggerieren auf der anderen Seite so etwas wie wirre Soundstrukturen. In Wirklichkeit: Belanglos und tausendmal gehört. Sänger klingt am Anfang, als ob er Jahre in der Gainesville-Gesangsschule verbracht hat. Bekommt dann aber die Kurve. Insgesamt ist die Dialogues-Seite in etwa so spannend wie Daumencatchen mit sich selbst spielen. Oder »Ich sehe was, was du nicht siehst« im Dunkeln.
Bands: Kids Explode, Dialogues
Songs: KE: »A romance in alcohol«, D: »Smoking parliaments does not make you funky«, »Six packs none the richer«
Format: 7“ (black)
Label: Rome Plow Records

Kids Explode starten mit dem grandiosen »Yards and miles«. Burner! Der Bass alleine! Sowieso, Kids Explode mag fast alle Songs von denen. Außer »A crash. Literally«. Und das ist der zweite auf dieser Split. Seltsamer Mitsing-im-Kreistanz-Refrain; Ausflug in good ol’ Schülerband-Years? Man weiß es nicht, wie Heinz Sielmann sagen würde. Auf der anderen Seite wollen End Of A Year genauso klingen wie diese ganzen Mid-80s-Dischord-Emocore-Bands. Instrumental bekommen sie es hin, indes gesanglich klingt’s als ob da jemand durch das beliebte Schnur-Dose-Telefon aufgenommen hätte.
Bands: Kids Explode, End Of A Year
Songs: KE: »Yards and miles«, »A crash. Literally«, EOAY: »Audrey Kishline«
Format: 7“ (black)
Label: Narshardaa

»And if today they start the revolution, directly in front of my door, I will close all my windows, won‘t open them anymore«, singt Digger Barnes auf seinem »Slacker song« und hat damit schon mal gewonnen, bevor es überhaupt richtig los geht. Digger trägt Moustache, Hosenträger, Trucker-Cap, Karohemd. Digger erzählt Anekdoten von Johnny Cash, brennenden Häusern und vom Unterwegs. Digger ist aus Texas und hauste lange in Wohnwagen, zum Überleben reichte das Steak vom Grill, seine Gitarre, eine Handvoll tighter Songs und ein Koffer mit ein paar Trailer-Tapes, die er Typen mit Namen wie Jack, Bill oder Hank für ne Tüte Tabak andrehte. »My name is Digger, and I dig my own grave!« singt Digger weiter und spätestens da weiß man, dass das alles gar nicht wahr ist – Digger kommt eigentlich aus Hamburg. Nach dieser famosen Split-Single (auf weißem Vinyl) erscheint noch eine Single, dann das Album und parallel baut Digger mit Butch Meiers gepitschter Wurst-Band ein zweites Standbein für den Big Country-Overtake auf – stets stilsicher verpackt in ironischen Gesten. »Same old game«, der Digger-Song dieser Single, ist im Gegensatz zum »Slacker song« übrigens ein verdammt geiler On-the-road-Track. Da will man gleich mal los, über Wilhelmsburg nach Harburg und dann nach Bremerhaven und mit dem Containerdampfer ab nach Buenos Aires. Oder Montevideo. Beste Single seit 1991, was rede ich, seit »Salad days«. Burner! Und das ist noch weit untertrieben…
Bands: Digger Barnes, Alle Total Blam Blam
Songs: DB: »Same old game«, ATBB: »Districts, parts, belongings«
Format: 7“ (white)
Label: Sabotage